Arbeiter siegen über Militaristen!

Die Rote Ruhrarmee in Dortmund

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch, der Generalstreik und die Kämpfe der Roten Ruhr-Armee

Kann man sich vorstellen, dass große Gebiete mit den wichtigsten Industriestädten Deutschlands unter der Kontrolle von revolutionären Arbeitern sind? Kann man sich vorstellen, dass die Armee und paramilitärische Truppen, die sich auf die Seite eines Militärputsches gestellt haben, aus Städten vertrieben werden und die öffentliche Ordnung durch Arbeiter- und Soldatenräte übernommen wird? Das kann man sich kaum vorstellen, aber so war es 1920, im Jahr der sogenannten Märzrevolution. Was war geschehen?

9. November 1918: Revolution in Deutschland

Demonstration während der Novemberrevolution

Am 9. November 1918 erhoben sich die Matrosen der deutschen Flotte und verweigerten den Befehl. Sie entwaffneten ihre Kommandeure und gründeten Soldatenräte, sie übernahmen die Kontrolle über Kiel und andere Küstenstädte. In ganz Deutschland breitete sich die Revolution aus, überall wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Der Krieg musste beendet werden, der Kaiser musste abdanken und die Republik wurde gegründet. Aber es wurde eine bürgerliche Republik, keine sozialistische. Die revolutionären Räte wurden durch die SPD entmachtet, die die Reichswehr neu gründete und mit den Generälen die Herrschaft der Banken und Konzerne rettete.

Die Konterrevolution erhebt ihr Haupt

Im Jahr 1919 war die Revolution niedergeschlagen und die Konterrevolution erstarkte. Generäle der Reichswehr und Konzernchefs wollten die Republik und ihre Errungenschaften beseitigen und die Monarchie wieder einführen. Die sogenannten Freikorps, illegale Verbände der Reichswehr, waren ihre Fußtruppen. Die Putschpläne waren der SPD-Regierung unter Friedrich Ebert bekannt, aber sie unternahm nichts gegen die Verschwörer. Wer waren diese Verschwörer? Waldemar von Pabst, der die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht organisierte und leitete, gründete die „Nationale Vereinigung“, das Zentrum der Verschwörung. Daran nahmen teil: Die Großindustriellen Kirdorf, Stinnes und Vögler, sowie die Militärs Ludendorff und Hugenberg. An der Spitze des Putsches standen Wolfgang Kapp, ein hoher Beamter und Großgrundbesitzer, sowie der General Walther von Lüttwitz

Kapp-Putsch in Berlin

Am 12. und 13. März rückten Soldaten auf Berlin vor, der Generalmajor der Reichswehr, Hans von Seeckt, weigert sich, die Reichswehr gegen die Putschisten einzusetzen und stellt sich damit auf deren Seite. Am 13. März zog die Brigade Ehrhardt mit den schwarz-weiß-roten Fahnen des Kaiserreichs und mit Hakenkreuzen auf den Helmen in Berlin ein. Die Regierung floh, die Nationalversammlung wurde aufgelöst und in ganz Deutschland schlugen die Putschisten los.

Antwort der Arbeiter: Generalstreik!

Als die Nachricht vom Putsch bekannt wurde, reagierten die Arbeiter und Angestellten sofort. Millionen legten die Arbeit nieder und versammelten sich, es gab große Demonstrationen. Alle drei Arbeiterparteien, die es zu diesem Zeitpunkt gab, riefen zum Generalstreik auf. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), eine linke Abspaltung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). KPD und die linken Teile der USPD stehen in der ersten Reihe der Streiks. Die KPD-Organisationen in Rheinland-Westfalen und im Erzgebirge-Vogtland rufen auch zur Bewaffnung der Arbeiter und zur Bildung von Arbeiterräten auf, um die Freikorps und Reichswehrverbände, die auf der Seite der Putschisten stehen zu entwaffnen. In ganz Deutschland werden Streikleitungen und Aktionsausschüsse gebildet, häufig mit Mitgliedern aus allen drei Arbeiterparteien und mit Kommunisten an der Spitze.

Am 15. März ist der Generalstreik in ganz Deutschland durchgesetzt, die Arbeit ruht überall, der Verkehr ist lahmgelegt. Mehr als 12 Millionen Arbeiter sind im Kampf gegen den Putsch. Auch Angehörige der Mittelschichten schlossen sich an und die liberale Partei DDP und die konservative Zentrumspartei sind gezwungen, gegen den Putsch Stellung zu beziehen.

Bewaffneter Kampf gegen die Putschisten

In Thüringen und im Erzgebirge kommt es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Arbeiter entwaffnen die putschistischen Einwohnerwehren. In Nord- und in Ostdeutschland werden geheime Waffenlager der Freikorps ausgehoben. In Thüringen werden außerdem Waffenfabriken besetzt, um den Nachschub für die Putsch-Truppen zu stoppen und die Arbeiter zu bewaffnen. Gotha und andere Städte werden von der Besatzung der Reichswehr durch Arbeiter befreit. In Thüringen wurde die 1. Thüringer Volkswehrarmee gegründet.

Die Rote Ruhrarmee in Dortmund

Höhepunkt der bewaffneten Kämpfe bildete das Ruhrgebiet. Hier war die USPD die stärkte der drei Arbeiterparteien. An den Kämpfen nahmen neben Kommunisten und Sozialdemokraten auch zahlreiche Anarchisten teil, die eigene Kommandostrukturen bilden. Am 13. März kam es zu ersten Demonstrationen, am 14. März schließen in Wuppertal Vertreter von KPD, USDP und SPD ein Bündnis gegen die Putschisten. In der Nacht vom 13. auf dem 14. März kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Arbeitern und Sicherheitswehr und Polizei. General von Watter ordnet die Besatzung des Ruhrgebiets an. Am 15. März stoppen und besiegen Arbeiter das Freikorps „Lichtschlag“ im Bahnhof von Wetter an der Ruhr. Überall beginnen Kämpfe gegen die Reichswehrtruppen.

Die Rote Ruhrarmee wird gebildet

In Hagen wird der Aktionsausschuss gebildet, der die militärische Leitung übernimmt und reguläre Fronten der Roten Ruhrarmee bildet. In der Roten Ruhrarmee kämpften ca. 100.000 Mann, die in Kompanien und Bataillone gegliedert wurden. Die unteren Führer wurden aus den eigenen Reihen gewählt, die höheren Führer von den zentralen Leitungen eingesetzt. Die Verpflegung wurde von Vollzugsräten und Aktionsausschüssen organisiert, die Unterstützung aus der Bevölkerung war groß.

Die Werbebüros der Roten Ruhrarmee stellten nur Werktätige ein, die bereits militärische Erfahrung besaßen und den Gewerkschaften oder einer der Arbeiterparteien angehörten. Die Waffen kamen zunächst von den Arbeitern, die sie noch aus dem ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution illegal zu Hause versteckt hatten und durch die Entwaffnung der Einwohnerwehren. Der größte Teil der Waffen wurde aber im Kampf erobert. Die Rote Ruhrarmee verfügte über Spezialkräfte, wie Artilleristen, Maschinengewehrschützen, Radfahrer, Kuriere und Sanitäter. Arbeiterfrauen unterstützen sie bei Verpflegung und Behandlung der Verwundeten.

Sanitäter der Roten Ruhrarmee

Ein großes Problem war, dass eine einheitliche und überall anerkannte Leitung nicht entstand. Dies machte die militärische und die politische Führung der Kämpfe schwierig. Dass über einen Zeitraum von mehreren Wochen das Ruhrgebiet unter Kontrolle der Roten Ruhrarmee war und die Reichswehr in vielen Städten entscheidende Niederlagen erlitt, zeigt den großen Erfolg der Roten Ruhrarmee.

Am 17. März eroberte sie Dortmund, am 18. März wird Remscheid befreit, am 19. März ist Essen unter Kontrolle der Arbeiter, die dort einen einen Zentralrat der Arbeiterräte bilden, neben Hagen die zweite Zentrale der Roten Ruhrarmee. Bis zum 23. März ist das gesamte Ruhrgebiet frei von putschistischen Einheiten.

Putschisten besiegt – Arbeiter werden verfolgt!

Die Arbeiter waren siegreich, der Putsch brach zusammen. Am 17. März 1920 musste Kapp abdanken und ins Ausland fliehen. SPD-Kanzler Ebert macht dem General Seeckt, der die Reichswehr nicht gegen die Putschisten einsetzen wollte, nicht den Prozess, sondern ernennt ihn offiziell zum Armeechef. Er ruft sofort zum Kampf gegen den Bolschewismus auf. Überall kommt es zu brutalem Terror gegen die aufständischen Arbeiter. Zu ihrer Niederwerfung werden Freikorps und Reichswehrverbände eingesetzt. Diejenigen, die die Republik mit ihrem Leben verteidigt haben, werden von denen die sie liquidieren wollten, verfolgt und ermordet. Am 18. März ruft die SPD zum Abbruch des Generalstreiks auf.

Die Arbeiter verlangen Garantien gegen die Wiederholung des Militärputsches und fordern die Vergesellschaftung der Betriebe und die Enteignung der Großgrundbesitzer. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), fordert Einflussnahme auf die Regierungsbildung, die Entwaffnung der konterrevolutionären Organisationen, den Rücktritt des Reichswehrministers Noske (SPD), der sich durch besonders brutales Vorgehen gegen die Arbeiter auszeichnete. Außerdem sollte die Verwaltung von Reaktionären gereinigt werden, neue Sozialgesetze erlassen werden und der Sicherheitsdienst, eine Art Miliz, durch die Arbeiterschaft übernommen werden.

Abbruch des Streiks – ohne Garantien

Es kam zu Verhandlungen zwischen Regierung und Gewerkschaften, die Regierungsparteien (SPD, Zentrum, DDP) versprechen auf die Forderungen des ADGB einzugehen, der daraufhin den Streik abbricht. Auch die USDP ruft nun zum Ende des Streiks auf. Am 20. März rufen ADGB, SPD, USPD und der Angestelltenverband zum Abbruch des Streiks auf. Allerdings gab es keinerlei Garantien für die Verwirklichung der Forderungen, im Gegenteil rückten konterrevolutionäre Tropen gegen die revolutionären Zentren (Thüringen, Ruhrgebiet) vor, Arbeiter wurden entwaffnet. Am 23. März ruft auch die Generalversammlung der revolutionären Betriebsräte Groß-Berlins zum Abbruch des Streiks auf, die SPD setzt ihre Koalitionspolitik fort, auch wenn die Minister Noske und Heine nicht mehr im Kabinett vertreten waren.

Die Brigade Ehrhardt mit Hakenkreuz-Symbol

Die Einheitsfront der Arbeiterparteien war damit gebrochen. Mit Hilfe der SPD-Koalition werden nun die Arbeiter entwaffnet. Dabei kommt es erneut zu Kämpfen in Mecklenburg, Mitteldeutschland und im Vogtland. Die KPD ruft zur Fortsetzung der Kämpfe auf, nachdem der weiße (konterrevolutionärer) Terror sich in Mitteldeutschland ausbreitete und die Reichswehr auf das Ruhrgebiet vorrückte.

Verhandlungen zur Verwirrung

Bezüglich der Lage im Ruhrgebiet begannen am 23. März Verhandlungen von SPD, USPD, KPD, DDP und Zentrumspartei in Bielefeld. Das Abkommen wurde von allen Parteien unterzeichnet, von den beiden KPD-Delegierten aber gegen den Beschluss der Partei. Das Abkommen verlange von den Arbeitern, den Streik abzubrechen und die Waffen an die Behörden abzugeben. Die Regierung sollte die Putschisten entwaffnen und die konterrevolutionären Formationen auflösen, die Ortswehren sollten aus Teilen der republikanischen Bevölkerung gebildet werden. Der Arbeiterschaft wurde versprochen, dass bei Einhaltung der Vereinbarungen die Reichswehr nicht in das Ruhrgebiet einmarschiert. Für die Teile, die Reichswehr und Regierung verpflichteten, gab es aber keinerlei Pfand oder Garantie. Die Regierung gab nicht einmal eine Zusage, diese Teile einzuhalten. Für sie war nur entscheidend, dass die Arbeiter entwaffnet werden.

Wer hat die Waffen in den Händen?

Ein großer Teil der Ruhrarbeiter vertraute dennoch dem Abkommen und legte die Waffen nieder. Einige Anführer der Roten Ruhrarmee weigerten sich. Es kam zu Verwirrung und Spaltung der Arbeiter. Währenddessen wurden weitere Reichswehrtruppen um das Ruhrgebiet zusammengezogen. Die KPD riet angesichts der militärischen Lage und wegen des Abbruchs des Streiks in Deutschland dazu, die Kämpfe einzustellen, aber die Waffen nicht abzugeben. Ziel sollte sein, Zeit zu gewinnen, um Ortswehren aufzustellen und die Waffen in den Händen der Arbeiter zu sichern, darin lag die einzige Garantie für die Arbeiter. Die Regierung sollte durch die Kraft der Arbeiter gezwungen werden, sich auf das Abkommen zu verpflichten und die Truppen zurückzuziehen. Der Essener Zentralrat machte sich die Linie der KPD zu eigen.

Der Terror der Reichswehr

Denkmal in Hagen auf dem Rembergfriedhof für die Märzgefallenen

Gegen den drohenden Einmarsch der Reichswehr rief die KPD erneut zum Generalstreik auf, dem sich große Teile der Arbeiterklasse an Rhein und Ruhr anschlossen. Dieser Druck auf die Regierung wirkt: Die Frist für die Entwaffnung wird auf den 2. April verlängert. Durch Intervention von SPD und USPD wird der Streik aber am 1. April abgebrochen, der Druck auf die Regierung entfiel und die Truppen der Reichswehr marschierten in das Ruhrgebiet ein. Ein brutaler Feldzug gegen die Arbeiter begann. Viele Arbeiter wurden ohne Verhör erschossen, auch Jugendliche und Frauen. Viele wurden zu Tode geprügelt, misshandelt und vergewaltigt, zur Abschreckung der Bevölkerung wurden ihre Leichen offen und mit verstümmelten Gesichtern liegen gelassen oder aufgehängt. Tausende Arbeiter kamen ins Gefängnis, während die Putschisten straffrei ausgingen. Zwischen 2000 und 3000 Arbeiter kamen ums Leben, viele von ihnen durch den Terror der Reichswehr, nicht durch die Kämpfe.

 

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