Auf den Spuren der Roten Ruhrarmee – Ein Reisebericht

Gedenktafel am Bahnhof in Wetter

Ein Reisebericht

Es gibt viele Ereignisse, über die heutzutage nichts mehr berichtet wird und die im Geschichtsunterricht nie erwähnt werden. Eines dieser Ereignisse ist der Ruhraufstand im Jahr 1920. Vom 13. bis zum 17. März 1920, fand in Deutschland ein Putsch von reaktionären Militärs statt. Eine zentrale Rolle spielten dabei General Walther von Lüttwitz, Erich Ludendorff und Wolfgang Kapp. Sie wollten die Errungenschaften der Novemberrevolution von 1918 beseitigen und wieder zur Monarchie zurück. Am 13. März wurde gegen den Putsch zum Generalstreik aufgerufen, welcher am 15. März einsetzte und an dem Millionen von organisierten Arbeitern, in ganz Deutschland, teilnahmen. Im Kampf gegen den Putsch, bildeten sich in ganz Deutschland unterschiedliche Aktionsausschüsse, Räte und Komitees. Diese übernahmen in einigen Orten die vollziehende Gewalt. Bereits am 17. März war der Kapp-Putsch durch den großen Widerstand gescheitert und die Kapp-Regierung war gezwungen zurückzutreten. Der Generalstreik wurde am 22. März offiziell für beendet erklärt.
Im Kampf gegen den Kapp-Putsch, wurde im Ruhrgebiet die Rote Ruhrarmee gegründet. Sie hat bis zum 23. März 1920 den Großteil des Ruhrgebietes von Freikorps- und Reichswehrtruppen befreit und hielt das Ruhrrevier zwischen Lippe und Ruhr besetzt. Die Rote Ruhrarmee wurde am 15. März gegründet und bestand aus kommunistischen, sozialdemokratischen, christlichen und parteilosen Arbeitern. Sie umfasste bis zu 100 000 Mann und war mit Artillerie, Gewehren und anderen erbeuteten Waffen ausgerüstet. Ende März marschierten Truppen der Reichswehr und Freikorps in das Ruhrgebiet ein, um den Aufstand niederzuschlagen. Während der Niederschlagung und auch danach, wütete im Ruhrgebiet der weiße Terror. Gegen Verdächtige, Beteiligte und deren Angehörige, wurde während des Rachefeldzuges mit allen Mitteln vorgegangen. Massenerschießungen, Folter und weitere Greueltaten, wurden wieder einmal gegen die aufständischen Arbeiter angewandt. Der Aufstand und der Kampf der Roten Ruhrarmee bewiesen trotz Niederlage, was durch organisierten Kampf alles möglich ist. Die hochüberlegene Reichswehr musste sich aus dem Ruhrgebiet zurückziehen und musste gegen die Armee aus Arbeitern und armen Volksschichten herbe Niederlagen einstecken.

Wir haben uns auf den Spuren der Roten Ruhrarmee, in das Ruhrgebiet begeben und erste Erkundungen gemacht.

Zur Vorbereitung auf unsere kleine Rundfahrt durch das Ruhrgebiet, haben wir uns am Abend davor die Verfilmung von Karl Grünbergs Romans „Brennende Ruhr“ angeschaut.

Karl Grünberg – Brennende Ruhr

Darin geht es um einen jungen Werkstudenten, welcher sich entschließt in der Bergbauindustrie für die Republik und den Wiederaufbau der Wirtschaft zu arbeiten.Dabei gerät er mitten in die Ereignisse vom März 1920 und muss sich entscheiden, auf wessen Seite er steht. Der Film war gut geeignet, um die Ereignisse noch einmal vor die Augen zu bekommen und unser Interesse zu verstärken. Man erfuhr einiges über die Situation im Ruhrgebiet, während der Zeit von Kapp-Putsch und des darauf folgenden Ruhraufstandes.

Am nächsten Morgen, haben wir uns gleich nach dem Frühstück nach Hagen begeben und dort unsere Tour gestartet. Hagen spielte in der Zeit der Ruhrkämpfe, als Standort einer Zentrale der Arbeiterräte und Ort von ersten Gefechten, eine wichtige Rolle. Außerdem steht dort auf dem „Friedhof Remberg“, eines der am besten erhaltenen und beeindruckendsten Denkmäler. Daher war dieser Ort für den Start unserer Tour gut geeignet. Das „Denkmal für die Märzgefallenen“, welches schon 1921 errichtet wurde, sah sehr vernachlässigt und ungepflegt aus. Es stellt eine Arbeiterfrau dar, welche mit einem Blick nach unten, trauernd oder niedergeschlagen aussieht. Ein barfüßiges Kind klammert sich um die Frau und schaut zu ihr hoch. Die Inschrift besteht aus einer gewidmeten Erklärung.

„Den Tapferen die das Leben hingaben im Kampfe für die Freiheit“

Neben den Jahreszahlen 1919 und 1920, steht über den Namen einiger Toter:

„Fessle durch Taten die jagende Zeit
Schmiede den Tag an die Ewigkeit“

„Fessle durch Taten die jagende Zeit
Schmiede den Tag an die Ewigkeit“

An diesem Ort haben wir uns einen kurzen Überblick über die Ereignisse von 1920 und ihre Hintergründe verschafft. Dabei sind wir auf weitere Fragen gestoßen. Wir haben uns z.B. gefragt, was denn die unterschiedlichen Ziele der Beteiligten waren. Gewundert haben wir uns darüber, dass dieses Denkmal den Faschismus überlebt hat. Die meisten Denkmäler für die getöteten Arbeiter wurden nämlich während der faschistischen Herrschaft zerstört. Gleichzeitig wurden damals viele Denkmäler für die Freikorps errichtet.

Zum Abschluss, haben wir an dem Denkmal Blumen niedergelegt und sind weiter nach Wetter an der Ruhr gefahren.
Es war für uns wichtig, Wetter an der Ruhr zu besuchen, da an diesem Ort (und in Wuppertal) die ersten Kämpfe stattfanden. Auch in Wetter waren die organisierten Arbeiter im März 1920 in den Generalstreik getreten und hatten sich teilweise bewaffnet. Am 15. März 1920 kam am Wetterer Bahnhof ein Zug mit einer Einheit des Freikorps Lichtschlag und dessen Hauptmann Otto Hasenclever an. Auf die Nachfrage, auf wessen Seite er stehe, gab Hasenclever an, auf der Seite von Kapp und dem General Lüttwitz zu stehen. Die Einheit sollte in das Ruhrgebiet geschickt werden, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Daraufhin kam es zum Gefecht zwischen der Einheit und den bewaffneten Arbeitern. Einige Soldaten sind übergelaufen und haben sich den bewaffneten Arbeitern angeschlossen. Zum Kampf wurden ebenfalls Arbeiter aus umliegenden Dörfern und der Gegend mobilisiert, welche die Wetterer Arbeiter unterstützten. Bei diesem Gefecht wurde die Abteilung von Hasenclever geschlagen und die Arbeiter hatten einen ersten militärischen Sieg errungen. Dabei erbeuteten Sie zusätzliche Waffen und Ausrüstung. Zehn Soldaten des Freikorps, der Hauptmann Hasenclever und sechs Arbeiter kamen ums Leben. Die Toten der Gefechte wurden auf dem Friedhof in Wetter begraben.

Am Bahnhofsgebäude befindet sich mittlerweile eine Gedenktafel. Auf dieser Gedenktafel steht:
„Für Frieden, Freiheit und Demokratie.
Zur Erinnerung an die Niederschlagung des Kapp-Putsches im März 1920“

Gedenktafel am Bahnhof in Wetter

Durch das nahezu original erhaltene Bahnhofsgebäude und die umliegenden Hügel, konnte man sich die Ereignisse von 1920 sehr bildhaft vorstellen.

Von Wetter aus, sind wir nun weiter nach Essen gefahren, um zu Mittag eine traditionelle Currywurst mit Pommes zu essen. Hauptsächlich sind wir allerdings nach Essen gefahren, da es sich ebenfalls um einen Ort des Geschehens handelt. Unsere Tour begann in Essen in der Steeler Straße, wo sich ein Wasserturm befindet. Am 18. März 1920 marschierten Truppen der Roten Ruhrarmee, von Gelsenkirchen und Wattenscheid kommend, in Essen ein. Die Einwohnerwehr und die Sicherheitspolizei erhielten den Befehl, die herannahenden Arbeiter aufzuhalten. Bereits am selben Tag kam es zu heftigen Kämpfen zwischen der Roten Ruhrarmee und der Sicherheitspolizei. Am 19. März hatten die Rotarmisten den Großteil der Essener Innenstadt besetzt, so dass die Sicherheitspolizei den sinnlos gewordenen Kampf gegen die Übermacht der bewaffneten Arbeiter einstellte. Die aus 24 Mann Einwohnerwehr und 22 Mann Sicherheitspolizei bestehende Besatzung des Wasserturmes ergab sich hingegen nicht. Hier fand eins der letzten Gefechte in Essen statt. Nach zwei erfolglosen Versuchen, gelang es den Arbeitern schließlich den Turm zu erstürmen. Dabei kamen auf beiden Seiten mehrere Menschen ums Leben. Von der Turmbesatzung wurden 11 Mann getötet.

Am Wasserturm selbst ist eine „Erinnerungstafel“ befestigt, auf welcher die Ereignisse allerdings ziemlich ungenau beschrieben werden. Auf der Suche nach ihr, sind wir zuerst auf eine andere Tafel gestoßen, vor der sich eine große Menschenmenge versammelt hatte. An dem Wasserturm befindet sich nämlich die „Essener Tafel“, welche Lebensmittel und Kleidung ausgibt. Vor Ihr stand eine große Schlange an.
Schon in der Weimarer Republik wurde ein Denkmal, welches hinter dem Wasserturm steht, für die Toten der Sicherheitspolizei in Essen aufgestellt. Darauf ist geschrieben: „IN ERFÜLLUNG IHRER PFLICHT GETREU BIS IN DEN TOD FIELEN IN DEN MÄRZTAGEN 1920…“

Die Gedenktafel am Wasserturm muss erstmal wieder leserlich gemacht werden

Die Namen der Gefallenen der Roten Ruhrarmee werden nicht erwähnt, auch nicht dass die Sicherheitspolizei sich auf die Seite des Putschs stellte. Gleich daneben befindet sich eine Tafel, auf der die Ereignisse in Essen von 1920 besser beschrieben werden. Diese Tafel ist jedoch sehr ungepflegt und dreckig, so dass wir zunächst die Tafel waschen mussten um die Inschrift richtig lesen zu können. Wegen den unterschiedlichen Inschriften und Denkmälern haben wir am Wasserturm auch darüber diskutiert, ob es eine neutrale Geschichtsschreibung geben kann oder ob die Darstellungen nicht immer davon abhängen, ob sie von den

unterdrückten oder eben den Unterdrückern geschrieben werden. An diesem Ort kann man anhand der Tafeln und Denkmäler die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ereignisse erkennen. Die erste Tafel auf die wir stießen, schilderte uns eigentlich am besten die Realität. Man erkannte bei Ihr sofort in welcher Gesellschaft wir Leben, in der eine Menge Menschen für Essen und Kleidung anstehen muss, während andere in ihren Villen Kaviar mit Champagner schmausen.

Weiter ging es nach Steele Horst. Hier befindet sich ein großes, von den Faschisten 1934 errichtetes „Ehrenmal“, welches in

„Ehrendenkmal“ in Steele-Horst

Gedenken an die Gefallenen der Freikorps, Einwohnerwehren, Reichswehr und Polizeieinheiten, die 1918-1920 gegen die revolutionären Arbeiter im Ruhrgebiet kämpften, errichtet wurde. Das erste was wir sahen, als wir am „Ehrenmal“ ankamen, war die Informationstafel, welche auf das von den Faschisten errichtete „Ehrenmal“ aufmerksam machen soll. Besser gesagt sahen wir das Gerüst der Informationstafel. Die Tafel selbst war nämlich weg und wahrscheinlich einfach abgeschraubt worden. Schon in der Vergangenheit wurde die Informationstafel entwendet oder zerstört. An dem Ehrenmal stießen wir außerdem auf schon entfernte, jedoch noch erkennbare Hakenkreuze und SA Zeichen. Dies ist anscheinend nichts neues, da sich immer wieder Nazis an diesem Ort treffen und diesen Ort für sich nutzen. Spuren von Lagerfeuern und Fackeln zeugten davon. Anscheinend interessiert es die Stadt ziemlich wenig, was an diesem Ort vor sich geht. Ohne Probleme wäre es möglich eine Informationstafel aufzustellen, welche nicht so einfach entwendet werden kann.

Hier war mal eine Informationstafel

Wir haben uns an diesem Ort mit Dokumenten zur Geschichte dieses „Ehrenmals“ beschäftigt und darüber diskutiert, was die richtige Herangehensweise an dieses Objekt seien könnte. In der Vergangenheit wurde auch gefordert, das „Ehrenmal“ komplett abzureißen. Eine Initiative strebte an, das „Ehrenmal“ als Zeugnis der Geschichte stehen zu lassen und durch eine Informationstafel aufzuklären. Das war nicht einfach durchzusetzen, noch Ende der 80er Jahre wurden Kränze mit einer Schleife der Stadt Essen am faschistischen „Ehrenmal“ abgelegt. Es hat viele Jahre gedauert, bis eine Informationstafel angebracht wurde und wie an der geraubten Tafel zu erkennen war, ist dieser Kampf noch nicht zu Ende.

An dem Ehrenmal für die Arbeitermörder von Freikorps und co., haben wir wieder einmal erkennen können, dass die Faschisten immer gegen die Arbeiterbewegung gerichtet waren. Sie wurden gegen die Arbeiterbewegung eingesetzt und schon immer war es ihre Aufgabe die Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Mehrere Freikorpsverbände trugen schon Hakenkreuze auf ihren Helmen. Die Verbindung zwischen den Freikorps-Verbänden und der faschistischen Bewegung war sehr eng.

Unsere nächste Station in Essen war die Kanalbrücke über den Rhein-Herne-Kanal an der Altenessener Straße. Hier befindet sich eine kleine Gedenktafel. Über den Kanal zogen sich Kämpfer der Roten Ruhrarmee nach Süden, auf das Essener Gebiet zurück. Dabei wurde von Reichswehr und Freikorps Artillerie gegen sie eingesetzt. Die Gedenktafel wurde von Altenessener Bürgern zur Erinnerung an 21 Bewohner der Gegend, welche durch den Beschuss auf Altenessener Arbeitersiedlungen ums Leben kamen, gestiftet und aufgestellt. Die Gedenktafel war ebenfalls in einem ungepflegten Zustand. Wir haben sie ein wenig gesäubert, um die Inschrift besser lesen zu können. Die Tafel ist an einer sehr unscheinbaren Stelle angebracht und die meisten Vorbeilaufenden werden sie übersehen. Unsere letzte Station war der Essener Nordfriedhof. Hier steht, zur Erinnerung an 21 Opfer des Freikorps- und Reichswehrterrors, eine sehr vermooste Tafel. An der gleichen Stelle waren früher die Gräber der 21 Opfer. Diese wurden allerdings von den Faschisten zerstört und bis heute nicht hergerichtet. Gleich neben den leeren Gräbern befinden sich Gräber für Soldaten des ersten Weltkriegs, welche gut erhalten und gepflegt aussahen. Wir haben die Gedenktafel gesäubert, um besser lesen zu können was auf ihr steht und wollten damit gleichzeitig dazu beitragen, die Erinnerung an den Ruhraufstand von 1920 und die Rote Ruhrarmee aufrecht zu erhalten.

Tafel auf dem Essener Nordfriedhof

Dies war auch das Ende unserer eintägigen Rundfahrt auf den Spuren der Roten Ruhrarmee und des Ruhraufstandes. In Altenessen, einem alten Arbeiterviertel, sind wir zum Abschluss unseres Tages zum Abendessen in die „Staudter Klause“ gezogen und haben uns an großen Portionen satt gegessen.

Wir haben auf der Tour einiges gesehen und neues gelernt. Gleichzeitig muss gesagt werden, dass es sich nur um einen kleinen Ausschnitt handelte. Dies war erst ein Anfang, denn die Geschichte muss viel besser aufgearbeitet werden. Es darf nicht vergessen werden, was für Kämpfe in Deutschland stattgefunden haben. Aus diesen Kämpfen können wir für heute und die Zukunft einiges lernen.

Quellen:

http://ruhraufstand.de/start.html

Zur weiteren Auseinandersetzung:

https://www.youtube.com/watch?v=U8kQamUGuOw http://www.derwesten.de/staedte/essen/ost/geschichtstafel-am-horster-ehrenmal-entwendet- id12292894.html http://www.derwesten.de/staedte/essen/ost/diebstahl-der-tafel-am-horster-denkmal-ist-kein- einzelfall-id12321794.html

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